Unterstützung einer Corporate Security Organisation nach veränderter Risikolage

Ausgangslage:

Als sich die wirtschaftliche und finanzielle Lage für ein börsennotiertes Unternehmen und seine Repräsentanten nennenswert verändert, wird das Risikomanagement auch im Kontext Executive Protection vor neue Herausforderungen gestellt. Nach einer B2B-Empfehlung wird Proteus.one gebeten, ein Vorstandssicherheitskonzept zu entwickeln und als externer Dienstleister in die bestehende Corporate Security-Organisation einzubinden.

Der Leistungsbezug soll später durch eine noch zu etablierende Retained Organisation gesteuert werden. Eine überdurchschnittliche Gefährdung einzelner TOP-Führungskräfte war gemäß einschlägiger Polizeidienstvorschriften bereits attestiert worden. Gewerbliche Waffentragegenehmigungen wurden bei den zuständigen Waffenbehörden beantragt.

Herausforderungen:

Schon oberflächlich betrachtet muss die Risikolandschaft für das Unternehmen ad-hoc als komplex und dynamisch eingeschätzt werden. Marke und Vorstände waren in ihrer medialen Sichtbarkeit „über Nacht nach oben gespült“ worden. Teilweise gehen politisch motivierte Drohungen ein. Unternehmenssicherheit ist auf einem niedrigen Niveau organisiert. Strukturen und Kenntnisse im Bereich Vorstandssicherheit sind nur rudimentär vorhanden. Eine genaue Risikoanalyse sowie die Ableitung und Implementierung einer Personenschutzkonzeption müssen unter Zeitdruck vorgenommen werden. Dabei sind parallele Zuständigkeiten von Polizei und privaten Sicherheitsträgern und hohe resultierende Schnittstellenanforderungen zu berücksichtigen.

Methodik und Ergebnisse:

Initial werden personenbezogene Gefährdungsanalysen durchgeführt, die neben einer Untersuchung der „digitalen Fußabdrücke“ u.a. auch Interviews einzelner Vorstandsmitglieder zu deren Tagesabläufen und Gewohnheiten wie auch eine Bestandsaufnahme und Bewertung baulich-technischer Sicherheitseinrichtungen in Wohnhäusern und am Arbeitsplatz beinhalten. Ein Abgleich von Bedrohungsprofil und bereits implementierten Schutzmaßnahmen gibt Hinweise auf relevante Risiken und entsprechende Optimierungsbedarfe.
Unter Best-Practice-Perspektive wird ein SOLL-Konzept abgeleitet, vor den Sicherheitsverantwortlichen der Gesellschaft präsentiert und in der Folge von den betroffenen Vorständen genehmigt.

Die Umsetzungsplanung sieht vor, dass Proteus.one auch in der sicherheitstechnischen Beratung und Projektierung unterstützt, auch was die Einbindung von Gefahrenmeldern und Alarmsystemen der Wohnobjekte in das übergeordnete Personenschutz-Management betrifft.

Alle Positionen im Sicherheitsteam werden extern von Proteus.one besetzt. Ein Teil der Mitarbeiter muss akquiriert werden. Im Recruiting werden eignungsdiagnostische, psychologisch validierte, Verfahren eingesetzt. Wesentliche Auswahlkriterien bilden auch die spezifische Berufserfahrung und notfallmedizinische Qualifikation der Kandidaten.

Zunächst wird mit einem Rumpfteam gestartet, nach 6 Wochen ist der Target Headcount erreicht.

Das Schutzprogramm umfasst neben einem bewaffneten Begleitschutz auch eine sogenannte Aufklärungskomponente im Wohn- und Arbeitsumfeld einzelner Vorstände mit 24/7-Interventionsbereitschaft. Eine Smartphone-Notfall-App erlaubt die ortsungebundene Alarmierung des Sicherheitsteams zu jeder Tages- und Nachtzeit. In Sensibilisierungsgesprächen und Schulungen werden Impulse für ein sicherheitsbewusstes Verhalten vermittelt. Für die Bewältigung von Ausnahmesituationen wird ein personenschutzspezifischer Basiskrisenplan erstellt und in die Krisenmanagementorganisation des Unternehmens eingebettet.

Dem PDCA-Gedanken entsprechend werden die Schutzmaßnahmen an ein Managementsystem für Bedrohungsrisiken angebunden und regelmäßig auf ihre Wirksamkeit hin überprüft. In den Bereichen Risk Monitoring und Protective Intelligence arbeitet Proteus.one mit Inhouse Teams des beauftragenden Unternehmens zusammen.

Israeli Behavioral Detection Officer Certification

„Behavioral Detection“ ist eine eine Methode für die Erkennung von Personen mit kriminellen Absichten durch Beobachtung ihres Verhaltens und ihrer Aktivitäten.

Sie wurde in erster Linie für den Schutz „weicher Ziele“ entwickelt und beruht auf einer Kombination aus Beobachtung, beiläufiger und gezielter Konversation und der Auswertung verbaler oder physiologischer Reaktionen. Behavioral Detection kann damit auch unter Personenschutz-Gesichtspunkten wertvolle Hilfestellungen bieten und Teil eines systematischen Ansatzes sein, Gewalttäter abzuschrecken oder zu enttarnen, nötigenfalls zu isolieren und festzunehmen bzw. festnehmen zu lassen.

Wir haben das Online-Format „Israeli Behavioral Detection Officer Certification“ von Cherries als Ausbildungsmodul für Personenschutzmitarbeiter standardisiert. Fraglos nur ein erster Schritt, aber eine solide Basis für weiterführende Aus- und Fortbildungen zu diesem überaus relevanten Spezialthema. Cherries wurde 2015 von Aaron Cohen, einem anerkannten Experten für Terrorismusbekämpfung und ehemaligem CTU-Operator für Sondereinsätze, gemeinsam mit anderen ehemaligen Mitgliedern verschiedener israelischer Geheimdienste und Spezialeinheiten gegründet.

Prof. Dr. Stefan Goertz und Oliver Graf zum Thema „Sportstars im Fokus des Verbrechens“

Sportler stehen in der Öffentlichkeit. Die sozialen Medien multiplizieren ihre Präsenz um ein Vielfaches. Steigt für sie damit die Gefahr, womöglich Opfer schwerer Verbrechen zu werden?

Die Betroffenen sollten für eine solche Entwicklung gewappnet sein. Die Autoren plädieren in dem Periodikum der Gewerkschaft der Polizei auf den Seiten 29 bis 32 dafür, Personenschutz als relevante, eigenständige Sportsicherheits-Disziplin zu etablieren.

„Personenschutz im Profisport“

 

 

Forschungsarbeit von Oliver Graf (SRH Hochschule Heidelberg, DFB, DFL)

Vorgehensweise und Zielstellung:

Ausgangsbasis der Studie bildeten die an der Universität Maryland geführte sog. Global Terrorism Database (GTD) sowie umfangreiche Presse- und Internet-Recherchen, um zunächst zehn relevante Risikoaspekte zu definieren und nachfolgend hinsichtlich möglicher Folgen und Ursachen zu untersuchen. Um diese Auswertungen zu „erden“ und evidenzbasiert zu gestalten, wurden ausführliche qualitative Interviews mit Experten (Spieler, Spielerberater, Funktionäre und Sicherheitsbeauftragte von Vereinen und Verbänden) durchgeführt. Die Auswertung erfolgte methodisch u.a. mit Hilfe von Verfahren der semantischen Netzwerkanalyse, um

  • Schwerpunkte und Themencluster herauszuarbeiten,
  • die spezifische Sicherheitslage zu beschreiben und
  • Empfehlungen für ein integriertes Sportsicherheitsmanagement am Beispiel des Fußballs abgeben zu können.

Hintergrund und Anlass:

Wie bei vielen Prominenten, ergibt sich auch für Profifußballspieler ein typischer Zielkonflikt: Denn Sicherheit und Privatsphäre stehen in einer ständigen Abwägung zu Faninteressen und der Popularität der betreffenden Personengruppe, die oft selbst als Werbeträger oder aktive Social Media-Nutzer die Öffentlichkeit suchen. Angaben zum Vermögen von Profifußballern sind unschwer den Medien zu entnehmen. Die Auseinandersetzung um die Angemessenheit oder den sozialen Nutzen exorbitanter Einkommen von Sportstars wird mit profilierten öffentlichen Stellungnahmen geführt. Neben Drohungen gegen Spieler kommen auch immer wieder Aktionen gegen Funktionäre, Spielerberater oder Trainer vor.

Outcomes:

Eigene FMEA-basierte Analysen und Feststellungen, die durch qualitative und quantitative Befragungen empirisch untermauert werden konnten, dokumentieren eindeutige Defizite. Insgesamt fällt auf, dass Sicherheitsexperten einzelne Aspekte der Sportsicherheit oftmals anders bewerten als übrige Stakeholder. Stadionsicherheit, orientiert am „Zehn-Punkte-Plan für mehr Sicherheit im Fußball“ des DFB und der DFL, wird überwiegend mit der Note „gut“ bewertet. Im Bereich Reisesicherheit (Auswärtsspiele, Turniere) werden deutliche Optimierungspotenziale erkannt, wobei der Handlungsbedarf von Sicherheitsbeauftragten höher eingeschätzt wird als von den eigentlichen Bedarfsträgern. Die kritischsten Bewertungen erhalten die wahrgenommenen Erfüllungsgrade von Sicherheit, wenn es um das private Umfeld von Spielern und Funktionären geht.

Ansätze für eine Verbesserung der Sicherheitsarchitektur im Profifußball:

Die Grundlagen für den Personenschutz im Profifußball scheinen bisher weitgehend nur implizit, unsystematisch und in Form allgemeiner Orientierungen vorzuliegen. Personenschutz sollte aber als relevante, eigenständige Sportsicherheits-Disziplin angesehen und etabliert werden. Mit anerkannten QS-Instrumenten, die für ein prozessorientiertes Sicherheitsmanagement eingesetzt werden, lassen sich erhebliche Mehrwertpotenziale heben. Die Studie enthält Empfehlungen zu 24 systematischen Ansätzen oder Einzelmaßnahmen in strategischer und taktischer Perspektive.

Oliver Graf nimmt im Handelsblatt Stellung zu Personenschutzkonzepten für TOP-Manager

Nach dem Säure-Anschlag auf den innogy-Finanzvorstand Bernhard Günther werden Sicherheitskonzepte für TOP-Manager kontrovers diskutiert.

Etliche Konzerne haben die Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Viele Manager wollen aber privat ohne besonderen Schutz leben.

Das Handelsblatt hat Proteus-CEO Oliver Graf gemeinsam mit anderen Experten zu diesem Thema befragt.

Der Artikel „Alarmstimmung unter deutschen Managern nach Säureanschlag auf Innogy-Vorstand“ erschien im Handelsblatt am 05.03.2018.

Alarmstimmung unter deutschen Managern

 

 

Fachartikel von Oliver Graf und Dr. Pantaleon Fassbender: SECURITY INSIGHT 2/14

Aktives Erwartungs- und Konfliktmanagement ist im Personenschutz für exponierte und gefährdete Familien ein zentraler Erfolgsfaktor. Denn in einer von Respekt, Akzeptanz und Transparenz geprägten Arbeitsatmosphäre gelingt es viel besser, Schutzziele zu erreichen und das Sicherheitsniveau zu erhöhen. Nur, wer sich aus psychologischer Perspektive mit den typischen Konfliktkonstellationen auseinandergesetzt und seine Reaktion darauf professionell trainiert hat, kann den Vorteil tatsächlich nutzen.

Problemskizze:

1. Milieu-Bruch

In der Regel wird man im Personenschutz für Familien tätig, deren Mitglieder einer privilegierten Oberschicht entstammen, und – sozusagen von Hause aus – einen relativ hohen Erwartungshorizont aufgebaut haben.

2. Übertragung und Gegenübertragung

Wir werden regelmäßig damit konfrontiert, dass unbewusste und unerfüllte Erwartungen, Wünsche und Vorstellungen der Schutzpersonen mit unseren eigenen Erwartungen und Phantasien darüber, was wir tun oder lassen sollten, eine innere Beziehung eingehen. Unter Stress und Bedrohung werden diese unbewussten Mechanismen besonders schnell aktiviert. Und gerade Personenschützer sind mitunter archaischen Sehnsüchten und Erwartungen ausgesetzt, denn Sicherheit und Geborgenheit stellen Urbedürfnisse dar, deren Befriedigung delegiert und mit starken Idealbildern verknüpft wird. Unterbewusst will man im Personenschützer eben auch den archetypischen Krieger und Heilsbringer erkennen!

3. Wechselnde soziale Kontexte

Von den zu schützenden Familienmitgliedern steht jeder für sich in wechselnden sozialen Umgebungen (Schule, Sportverein, Beruf) und wird dort zwangsläufig normativ beeinflusst. Das reflektiert selbstverständlich auch auf Rollenerwartungen an den Personenschützer. In einem Spannungsfeld derartig vielfältiger und komplizierter psychologischer und soziologischer Prozesse steigt die Wahrscheinlichkeit der Frustration für beide Seiten enorm.

Lösungsansätze:

1. Ein neues Curriculum

Der übliche lineare Ansatz, funktional und fachlich einwandfrei Schutzkonzepte in den Raum zu stellen und abzuwarten, was passiert, reicht nicht aus. Denn ein Problem, das keine Anomalie, sondern die notwendige Folge von Beziehungsgestaltung darstellt, wird nie von sich aus verschwinden. Deshalb braucht der Personenschützer, wie jeder Partner, der auf Zeit und intensiv in ein Familiensystem eintritt, spezifische Ressouren, weil er in eine ganze Reihe von emotionalen „Spielen“ hineingezogen werden kann: sei es zur Provokation der Eltern, als Adressat der erlebten Einschränkung der männlichen Schutzrolle oder als emotionales Objekt für Beschützerphantasien!

2. Psychologische „Hausaufgaben“erledigen

Rollenklärung, Selbstreflexion und ein bewusster Umgang mit den eigenen Bedürfnissen im Spannungsfeld von Nähe, Distanz, Stabilität und Wechsel. „In wiederkehrenden Workshops versuchen wir, bei unseren Mitarbeitern ein Sensorium für unausgesprochene Erwartungen, atmosphärische Störungen und andere Symptome versteckter Konflikte zu entwickeln. Man muss also bis zu einem gewissen Grad wieder ‚lernen zu fühlen‘. Mit dem Denken allein sind wir, wie ein Computer, festgelegt auf die Parameter 0 und 1. Damit kann man viel bewerkstelligen, aber eben nicht alles! Wir haben im Rahmen der Konfliktprävention und -moderation gute Erfahrungen mit ehrlichen und vertrauensvollen Dialogen zwischen Sicherheitsbegleiter und Schutzperson gemacht, in denen man sich als Mensch und nicht nur als Funktionsträger begegnet. Es ist legitim und wichtig, die rein sachliche Ebene bewusst zu verlassen, um informelle und emotionale Inhalte zu platzieren. Sowohl initiale Sensibilisierungsgespräche aber auch institutionalisierte Jours Fixes bieten gute Gelegenheiten, um zum gemeinsamen Erwartungsabgleich einzuladen und konfrontative Positionen abzubauen, denn diplomatische Schnörkeleien helfen in der Regel nicht weiter.

Fazit:

Je tiefer unser Verständnis für die relevanten psychologischen Zusammenhänge entwickelt ist, umso eher wird es uns gelingen, Schutzpersonen zu vermitteln, wo persönliche Grenzen liegen. Wer sich die entsprechenden Denk- und Handlungsräume eröffnet, versetzt sich damit in die Lage, auch schwierige Schutzaufträge zielführend zu steuern. Vor diesem Hintergrund muss die psychologische Aus- und Fortbildung von Personenschützern breiter aufgestellt werden. Es ist völlig unverständlich, warum Coaching und Supervision als anerkannte Methoden der Personal- und Persönlichkeitsentwicklung im Leistungssport längst etabliert sind, im professionellen Personenschutz aber kaum oder nur restriktiv eingesetzt werden.

Quellenhinweis: Security Insight, Ausgabe 02/2014, S. 54 ff., https://prosecurity.de/security-insight